Kommunität Imshausen

Meine Pilgerwegerfahrungen

Auf dem Pilgerweg von Gorleben zur freien Heide in der Prignitz 09. - 17.7.2010

 

Pilgergruppe im Feld

Acht Tage unterwegs sein, Aufbruch in den frühen Morgenstunden, schweigend gehen, müde ankommen. Mit vielen neuen Bildern, Ausblicken, Ansichten, Wegen und Menschen, die mir wenig oder gar nicht bekannt sind. Unsere Gruppe besteht aus 23 Pilgern und Pilgerinnen und Peter, der unseren ‚Versorgungsbus’ fährt. Jeden Tag werden wir an einem anderen Ort sein, erleben neue Landschaften, treffen unbekannte Menschen und Lebensgeschichten - und wenn wir uns verabschieden, wird uns ihre Lebenswirklichkeit ein wenig näher gerückt sein.

Gruppe am Bahnhof Dannenberg

Unser Weg beginnt am Bahnhof Dannenberg Ost, führt uns über Laase nach Gorleben, wo wir am Standort der Castor-Behälter und den Gorlebener Kreuzen in der Heide von den Ängsten und Hoffnungen der Menschen hier hören. Ich staune darüber, dass so viele Menschen im Widerstand gegen den Atomwahn so lange, so kreativ und geduldig durchgehalten haben. Sie haben aus diesem Stück Land vor dem eingezäunten Areal einen bunten, einladenden Ort gemacht. Wir denken an sie im Weitergehen, an dieses Aufstehen gegen lebensfeindliche Kräfte.

Pilgergruppe mit Kreuz im Wald

Es geht für uns weiter über die Elbe durch das ehemalige Sperrgebiet der DDR. Es wird heiß, sehr heiß, so dass wir sogar überlegen, nachts zu laufen. Wir gehen in der Gluthitze auf dem Deich der Elbe und beneiden die Störche, die hoch oben ihr luftiges Zuhause haben. Bei 37 Grad im Schatten kommen wir in Wittenberge an. Einstimmig beschließen wir, noch früher loszugehen am Morgen: 5.15 Uhr mit fertigem Gepäck im Stehen frühstücken, 5.30 Uhr Morgenlob, dann Aufbruch im Schweigen.

Im Morgengebet stellten wir uns unter das Wort an Ezechiel: „Stell dich auf deine Füße, Mensch, ich will mit dir reden.“ Dieses morgendliche Ritual erinnerte mich an den Aufbruch der Israeliten in der Wüste. Das Nötigste auf dem Rücken, den Weg im Blick und schweigend unterwegs. Die Hitze dieser Tage gab uns die Möglichkeit, eigene ‚Wüstenerfahrungen’ zu machen. Die Mittagspause ist durch unseren frühen Aufbruch verlängert, wir brauchen sie zum Ausruhen und Entspannen. Jeder von uns kommt an je eigener Stelle an seine/ihre Grenzen. Und doch geht es weiter, wie auch sonst im Leben. Ich kann mich der Gruppe anvertrauen und denke beim Gehen über das Leitwort des Tages nach: “Ohne Stehen kein Gehen, standfest sein, wieder aufstehen.“ Manchmal genieße ich einfach nur die Landschaft, bestaune die mächtigen Eichen oder die alten Alleen, die hier in Brandenburg noch nicht dem Straßenbau geopfert wurden.

Aussenansicht Kloster

Wir stoßen allerdings auch an die Grenzen der „Anderen“. Als wir durch das Sperrgebiet im Bereich der „freien Heide“ wandern, begegnet uns die Ordnungsmacht in Form des Försters: hier dürfen wir nicht weitergehen. Er leitet uns auf dem schnellsten und „sicheren“ Weg (über Autostraßen) wieder in erlaubtes Terrain und heraus aus dem gesperrten Gebiet des schon lange bestehenden Bombodroms. Im nächsten Ort sind wir mit Menschen verabredet, die sich für die friedliche Nutzung der Heide erfolgreich eingesetzt haben. Sie überlegen und planen, wie dieses bisherige Militärgebiet friedlich für die Menschen genutzt werden kann. Wir wünschen ihnen gutes Gelingen.

Eindrucksvoll war uns auch ein Aufbruch ganz anderer Art, der Neubeginn im Kloster Heiligengrabe. Die Begegnung mit den Menschen dort hat uns an die Zeit der Klostergründung (im Jahre 1287) erinnert und an die wechselvolle Geschichte dieses Ortes, von der uns die Äbtissin berichtete. Hier ist wieder ein Ort des Gebetes und der Gastlichkeit entstanden, die wir sehr genossen haben, eine eigene Art des Widerstehens und Aufstehens gegen die Lebensfeindlichkeit unsere Zeit.

Storch auf dem Dach

Mit uns auf dem Weg waren Störche und Kraniche Dachs, Pirol und Rehkitz, Distelfalter und Bläuling Schwelendes Feuer und erfrischendes Wasser. Und wir spürten wie gut es ist, einfach gehend unterwegs zu sein. “Pilgern ist beten mit den Füßen“, das war mir eine wunderbare Erfahrung.

Zeltkirche Imshausen

Ruth Knüppel

Diesen Bericht gibt es hier auch als pdf-Datei [1,1 MB].

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