Meine Pilgerwegerfahrungen
Pilgerweg von Leipzig nach Gera 13. - 22.7.2007

Jeder Einzelne, der sich in der Gruppe auf einem Pilgerweg trifft, hat eigene Motive, Befürchtungen und Wünsche und macht ganz eigene Beobachtungen und Erfahrungen unterwegs. Obwohl die Landschaft, die man durchwandert, die gleiche ist, man den gleichen Tagesimpuls mit auf den Weg bekommt und abends im gleichen Raum auf dem Matzratzenlager die müden Beine ausstreckt. Es war faszinierend zu erleben, wie der gemeinsame Weg uns unterschiedliche Menschen verbindet und wie jeder beschenkt und gestärkt wieder an seinen momentanen Lebensort zurückgekehrt ist.

Ich hatte mich sehr kurzfristig und spontan der Gruppe auf dem Pilgerweg angeschlossen, weil ich mich gerade in einer Auf- und Umbruchsituation befand, Zeit hatte und dachte: das passt jetzt gerade. Schon lange ist das Unterwegs-sein ein Lebensmotiv bei mir, ich bin unterwegs in der Nachfolge als Christ, mit Menschen, die mich begleiten, inspirieren, herausfordern. Diese Lebenseinstellung heißt für mich, dass ich offen bleiben will für das, was mir Gott über den Weg schickt, dass ich immer wieder Neues entdecken möchte, neue Aus- und Einblicke genießen will, dass ich mir Ruhezeiten gönne auf meinem Weg. Und dass ich vertraue, dass mich Gott begleitet und leitet.

Es erschien mir also nur konsequent, mir mal Zeit zu nehmen, um auf einem Pilgerweg meinen Lebensweg zu überdenken, neue Impulse aufzugreifen. Und das Wagnis einzugehen, diese Zeit mit Menschen zu verbringen, die ich noch gar nicht kannte. Außerdem interessierte mich die Gegend und die Kommunität Imshausen.

Die Zeit war keine Enttäuschung. Mir hat es sehr gut getan, den ganzen Tag draußen zu sein und die Begegnungen, v.a. mit den Menschen, die wir abends trafen (meist Freunde der Kommunität), haben mir Mut gemacht. Es sind engagierte, begeisterte Menschen, Hoffnungsträger in ihren Gemeinden und ihrer Umgebung in den neuen Bundesländern und ihre Berichte waren angenehm anders als die Berichte der Medien, die oft so trostlos sind und von den Themen Armut und Arbeitslosigkeit dominiert sind.

Was ich in den ersten Tagen auf dem Weg an mir selber etwas erstaunt zur Kenntnis nahm war, dass es mir sehr schwer fiel, die morgendlichen Impulse (Texte und Gedanken zum Leben der Elisabeth von Thüringen) für mich zu bedenken. Aber das Gehen in der Stille (ca. 1 Stunde) nach den Impulsen war einfach wohltuend- auch in der nettesten Gruppe ist Hören und Erzählen pausenlos sehr anstrengend. Es lag wohl auch daran, dass durch die enorme Hitze und die langen Strecken der ersten Tage das Laufen sehr anstrengend war und auch ich körperlich an meine Grenzen kam.

Ich habe keine großen neue Erkenntnisse mitgenommen von diesem Weg- hatte das auch nicht erwartet. Es waren sehr angenehme Tage und Begegnungen, ein intensives Erleben der Natur und Dörfer. Und jetzt, ein halbes Jahr später, merke ich, wie doch leise einiges gewachsen ist aus dem, was ich mitgenommen habe. Ein Foto, das ein Mitpilger am letzten Tag gemacht hat, symbolisiert meine Erfahrungen von unterwegs:

Zwei Rosen liegen im klaren Wasser des Brunnens von Imshausen, Sonnenstrahlen brechen sich auf der Wasseroberfläche. Ein Tagesimpuls hieß "hindurchsehen". Dieses Foto ziert nun meinen Terminkalender und lädt mich ein, durch das Alltagsgeschehen, durch Vordergründiges, auch durch Menschengesichter hindurch zu sehen und Jesus Christus dahinter zu entdecken. Der Pilgerweg war für mich einer dieser Wegabschnitte, die ich besonders langsam und bewusst gegangen bin und dabei mich und meine Umgebung bewusster wahrgenommen habe. Es ist gelungen, diese Haltung ein wenig jedenfalls in meinen Alltag hinüberzuretten, weil die Erfahrung einer so intensiven Zeit tiefer sitzt als das bloße Wissen, dass eine offene und gelassene und aufmerksame Haltung im Alltag mir eigentlich gut tut.

Ich habe danach Gottes Führung erlebt an einen neuen Arbeits- und Wohnort. Und ich habe seitdem meinen Tageseinstieg am Morgen intensiviert. Ich habe eine Zeit der Stille nach der Bibellese eingeführt und gehe dann in den Tag mit den Worten, die auch im Morgengebet unseres Pilgerwegs gelesen wurden:

"Unseren Tag und unsere Herzen leite und bewahre in seinem Frieden der gütige und barmherzige Gott."


Katja Huenges


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